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Der Gattenmörder aus Langen


Jakob Theodor Amendt bzw. Amend (19.4.1843 - 26.4.1885) war Landgerichtsassessor, zunächst in Ortenberg und später in Langen. Im Jahr 1878 erlangte er traurige Berühmtheit. Die Karlsruher Zeitung schreibt am 25.10.1878:
Eine entsetzliche Kunde durchfliegt unser Städtchen. Die Ehefrau des Großh. Landgerichts-Assessors Amendt befand sich im Wochenbett. Der günstige Verlauf desselben wurde durch einen vorige Woche in der Nähe der Wohnung ausgebrochenen Brand derart gestört, daß nach einigen Tagen die Aerzte nicht nur die Hoffnung einer Rettung gänzlich aufgaben, sondern der Unglücklichen nur noch eine sehr kurze Lebensfrist voraussagten. Dieselbe lag in den furchtbarsten Schmerzen und soll ihren darob verzweifelten Mann, mit dem sie in glücklicher Ehe lebte, um eine rasche Erlösung angefleht haben. Dieser, heißt es, habe jene Schmerzen nicht länger mit ansehen können, eine Schußwaffe ergriffen und seiner Ehefrau eine Kugel durch die Schläfe geschossen. Die Leiche wurde bereits verflossenen Sonntag zu Darmstadt beerdigt, während Landgerichts-Assessor Amendt in seiner Wohnung in vorläufiger Haft gehalten wird. An dem Vorfall selbst ist natürlich nichts zu verheimlichen, die Sache befindet sich in den Händen der Justiz. Es sollen Anzeichen von einem geistigen Gestörtsein des bedauernswerten Mannes vorliegen, auf welche dessen tadelloses Vorleben und die ganze Natur seiner That an sich schon hinweisen müssen. (Wie von anderer Seite mitgeteilt wird, erschoß der unglückliche Mann seine hoffnungslos darniederliegende Gattin in Gegenwart der Krankenwärterin mit den Worten: "Ich kann's verantworten." Aus der bis zu der schrecklichen Katastrophe so glücklichen Ehe sind vier Kinder am Leben.)
Der Sterbeanzeige dieser Ehefrau, nämlich Caroline Amendt, entnehmen wir den genauen Zeitpunkt der Tat:
Langen am 19ten October 1878. Auf Mittheilung des Großhl. Landgerichts Langen vom 19ten October 1878 ist am neuzehnten October eintausend achthundert acht und siebenzig vormittags zwölf Uhr vier Minuten gestorben Caroline, Gattin des Großherzoglichen Landgerichts-Assessors Theodor Amend von Langen am 27ten Juli 1847 geborene Tochter des Großherzoglichen Rendanten Balthasar Schmidt zu Bad Nauheim und dessen verstorbener Ehefrau Auguste geb. Gießler evangelischer Confession. Der Standesbeamte Dröll
Das mit den "vier Kindern am Leben" stimmt übrigens nicht ganz. Die beiden hatten zwar zusammen vier Kinder, ihr erster Sohn Ernst Balthasar Heinrich Friedrich hat allerdings nur wenige Monate gelebt. Zweites Kind war Otto Amend, das dritte Kind Sophie Babette Auguste. Wenige Tage vor der Tat hatte Caroline Amendt das viertes Kind bekommen, ihr Mann hatte das selbst auf dem Standesamt gemeldet:
Langen, am 14ten October 1878. Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt, der Großherzogliche Landgerichts-Assessor Jakob Theodor Amend, wohnhaft zu Langen, evangelischer Religion, und zeigte an, daß von der Karoline Amend geb. Schmidt seiner Ehefrau, evangelischer Religion, wohnhaft bei ihm zu Langen in seiner Wohnung am zehnten October des Jahres tausend acht hundert siebenzig und acht, vormittags um achteinhalb Uhr ein Kind weiblichen Geschlechts geboren worden sei, welches die Vornamen Marie Antonie erhalten habe.

Marie Antonie lebte leider auch nur knapp 5 Monate und starb am 9. März des Jahres darauf.

Die Meldung vom "Familiendrama der düsteren Färbung" machte in ganz Deutschland die Runde. Auch wird über die rechtliche Bewertung der Tat spekuliert. Im Düsseldorfer Volksblatt lesen wir am 3.11.1878:
Hessische Blätter brachten dieser Tage eine ganz grausige Mittheilung: Der Landgerichts-Assessor Amendt in Langen bei Darmstadt hat, wie sie melden, seine angeblich dem Tode nahe Frau erschossen, um ihr die Leiden zu kürzen. Wie behauptet wird, hätte die in Folge einer Blutvergiftung in außerordentlichen Schmerzen daliegende Frau ihren Mann angefleht, ihr den Tod zu geben. Es hat dies nach dem deutschen Strafgesetzbuch für die Charakteristik der That nichts Entscheidendes, während das früher in Geltung stehende hessische Strafgesetzbuch die Tödtung auf ausdrückliches Begehren des Getödteten als ein eigenes, milder zu bestrafendes Vergehen behandelte. Assessor Amend betheiligte sich unter der persönlichen Aufsicht des Untersuchungsrichters noch an der Beerdigung seiner Frau, die in Darmstadt stattfand. Der fungierende Geistliche hatte, wie man erzählt, keine Kenntnis von der Erschießung der Frau Amendt. Darüber, ob der Zustand der Frau ein hoffnungsloser gewesen, ist noch keineswegs etwas Positives festgestellt; ein zu Rathe gezogener auswärtiger Arzt hatte am Tage vorher noch nicht alle Aussicht abgeschnitten, während unmittelbar vor der That der behandelnde Arzt den Fall für hoffnungslos erklärte. Die Schußwunde war zwar an sich nicht absolut tödtlich, war es aber im concreten Falle, da die Kräfte der Leidenden schon erschöpft waren. Bei dem durchaus tadellosen Vorleben des Gattenmörders, bei der tiefen und zärtlichen Neigung, die ihn für sein Opfer beseelte, und bei dem Umstande, daß ihm als Juristen wohl bekannt sein mußte, daß das wenn auch verfallene Leben doch nicht um eine Minute gekürzt werden durfte, kann kaum etwas Anderes angenommen werden, als daß im Augenblick der unseligen That der Sinn des Thäters umnebelt, die Freiheit des Willens ausgeschlossen war. Es scheint freilich damit im Widerspruch zu stehen, daß der dermalige Zustand des Angeschuldigten keineswegs ein unzurechnungsfähiger genannt werden kann. Jedenfalls hat der Thäter das Scheußliche im Zustande einer außerordentlichen Erregung vollbracht. In den Annalen der Criminaljustiz dürfte kaum ein ähnlicher Fall verzeichnet sein. Allen Umständen nach dürfte das blutige Familien-Drama im Schwurgerichtssaal seinen Abschluß finden und es der Jury beschieden sein, die Frage der Zurechnungsfähigkeit des Angeschuldigten zur Zeit der That zu lösen.
Wie genau die weiteren Ermittlung und Gerichtsverfahren verlaufen sind, weiss ich nicht. Aber am 5.1.1879 liest man in den Dresdner Nachrichten:
Assessor Amendt in Langen (Hessen), der seine kranke Frau auf deren Bitte erschoß, weil er sie nicht leiden sehen konnte, ist vor einigen Tagen in die Irrenanstalt nach Heppenheim gebracht worden.
Auch noch Jahre später befasst sich die Presse mit dem Fall, so z.B. die Karlsruher Zeitung am 10.7.1885:
Aus Hessen, 7. Juli. Der Hessische Landgerichts-Assessor Amend in Langen lebte mit seiner jungen, von ihm zärtlich geliebten Gattin in der glücklichsten Ehe. In den 70r Jahren erkrankte die Frau an einer unheilbaren Krankheit; nach Wochen schien das Ende herangenaht, die Aerzte setzten dem jugendlichen Leben bloß noch wenige Stunden Frist. Die Kranke litt sichtlich die größten Schmerzen. Da nahm der trostlose Gatte, der absolut keine Hoffnung mehr hatte, das theure Leben zu retten, ein geladenes Gewehr von der Wand und ein wohlgezielter Schuß tödtete die Frau im Bette. Ohne Zweifel wollte der Gatte die heftigen Schmerzen seiner der Auflösung nahen Gattin abkürzen. Die That war aber bei dem zärtlichen Verhältnis, in dem die beiden Ehegatten zu einander standen, immerhin so ungeheuerlich, daß die Frage nach einer Erforschung der geistigen Gesundheit des in Anklagezustand Versetzen nahe genug lag. A. wurde in der That, da diese Frage verneint wurde, außer Verfolgung gesetzt. Diese Entscheidung fand nicht die allgemeine Billigung, da A. bis zur unseligen That aktiv im Dienste war und man bisher in keiner anderen Beziehung eine Störung seiner geistigen Gesundheit zu beobachten Gelegenheit hatte. Nach seiner Pensionierung wirkte er einige Zeit als Rechtsanwalt am Amtsgericht in L. und siedelte später nach Karlsruhe über, wo er in der Versicherungsbranche thätig war. Schließlich mußte er in einer Irrenanstalt aufgenommen werden, bis dieser Tage seine Auflösung erfolgt. Die vorgenommene Sektion ergab, wie der "D. Ztg." geschrieben wird, eine zweifellos auf Jahre zurückreichende Degeneration des Gehirns. Die gerichtliche Entscheidung hatte somit s.Zt. das Richtige getroffen. Der Fall ist jedenfalls einer der interessantesten der Kriminaljustiz; ein solches Motiv zur Vernichtung eines Menschenlebens dürfte nur sehr selten vorgelegen haben.

Pensioniert wird Amendt 1879. Tatsächlich bekommt er aber trotz seiner Vorgeschichte 1880 die Zulassung als Rechtsanwalt am Amtsgericht Langen und gibt sie 1883 wieder auf. Vermutlich 1882 heiratet Amend erneut, mit seiner zweiten Frau Charlotte hatte er noch zwei Kinder (eines in Karlsruhe und eines in Mannheim geboren). In Mannheim finden wir ihn im Vorstand der Reichs-Versicherungs-Anstalt.

Die letzte Zeit seines Lebens verbrachte Theodor Amend in einer Anstalt. Höchstwahrscheinlich zieht seine Frau nach seinem Tod wieder nach Langen, 1900 steht dort im Adressbuchbuch "Amend, Theodor, Assessor Witwe, Darmstädterstraße 23".


25.11.21 15:19 breiter Kristof [0 Kommentare]


Die zwei Synagogen in der Altstadt


In der Altstadt von Darmstadt gab es zwei verschiedene Synagogen. Schon in Teil 3 meines Stadtrundgangs hatte ich das kurz erwähnt. Das ist auch kein Geheimnis, so schreibt das Stadtlexikon dazu etwas spärlich: Nachdem es 1864 zur Spaltung in eine liberale und eine orthodoxe Gemeinde kam, gab es in der Altstadt zwei Synagogen. Wo genau diese Synagogen gelegen haben, erfährt man hier nicht. Andererseits wird dieses Bild (Bild 1) oft und gerne als "die alte Synagoge" betitelt, teils mit der Beschreibung "Darmstadts älteste Synagoge eingeweiht 1737". Das ist so nicht haltbar.

Wo gab es denn nun diese zwei Synagogen? Am besten sieht man das auf einem Vergleich von zwei Karten, leider aus unterschiedlichen Zeiten: 1866 vs. 1905 (Hier muss man ggf. ein wenig mit den Ebenen spielen). Alternativ sieht man diese Situation auf Bild 2. 1866 gibt es ein tatsächlich als "Synagoge" beschriftetes Gebäude auf dem Grundstück zur Kl. Ochsengasse 12, 1905 schon nach dem Altstadtdurchbruch ein ähnliches Gebäude im Hinterhof der Kl. Ochsengasse 14. Beide Gebäude waren ursprünglich nicht von aussen sichtbar, kein Wunder, daß es eigentlich keine Bilder davon gibt. O.g. Bild zeigt ein Gebäude ungefähr im Jahr 1905, das eben erst durch den Altstadtdurchbruch freigestellt wurde. Es ist nicht die "alte Synagoge von 1737".

Zwei Synagogen, so nahe beieinander? Nun könnte man glauben, im Gewimmel der Altstadt hätten sich die Kartografen ein wenig vertan. Allerdings sind die "Flurkarten von 1905" des Vermessungsamts über jeden Zweifel erhaben, und auch die Karte von 1866 ist mir an allen anderen Stellen als sehr zuverlässing und akkurat bekannt. Das Stadtlexikon hat nämlich vollkommen recht, durch die Spaltung der jüdischen Gemeinde gab es kurzzeitig zwei Gebetshäuser in Darmstadt, und zwar direkt nebeneinander!

Wie es dazu kam steht ausführlich im Buch "Alt-Darmstadt" von Wilhelm Diehl von 1913. (Ich danke dem Hinweisgeber hiermit ausdrücklich!) Diehl schreibt:
Wer von der Langgasse aus mit aufmerksamem Auge den Altstadtdurchbruch durchwandert, bemerkt unter den mancherlei Bauten, die sein Blick streift, zwei besonders merkwürdige Gebäude, die sich als Reste aus vergangenen Jahrhunderten darzustellen scheinen. Das eine ist der an der Ecke der Schulzen- und Langgasse stehende Schulzenbau, das andere die altertümlich aussehende Synagoge, die zu einem Haus der Kleinen Ochsengasse gehört. ... Nicht einig sind sich die "Gelehrten" über die Synagoge, die wegen ihrer "Altertümlichkeit" schon oft bewundert und sogar photographiert ward. Etliche leiten sie aus dem 17., etliche aus dem 18. Jahrhundert her. Die meisten halten sie jedenfalls für recht alt. Wie steht's mit diesen Ansichten?
Das kommt mir bekannt vor. Auch heute scheinen sich die "Gelehrten" nicht ganz einig zu sein. Einig sind sie sich heute zumindest insoweit, daß es zunächst in Darmstadt keine Gebetsräume gab, die den Namen "Synagoge" verdient hätten. Wie auch anderswo in Hessen fanden jüdische Gottesdienste meist in Privathäusern statt. Erst 1735 erlaubt Landgraf Ernst Ludwig den Juden den Kauf einen Hauses in der kleinen Ochsengasse. Unter vielen anderen Verordnungen lesen wir unter Punkt 29: Den hiesigen Juden erlaubt, das Cassel-Meyerische Hauß zu kaufen, und eine Synagoge darinnen anzulegen 1735. (siehe auch Bild 3) Von dieser Zeit habe ich keine Karte, aber 1799 kann man diese Stelle gut identifizieren: Es ist das Haus, das damals die Nr. 441 trägt (siehe auch Bild 4), im dazugehörenden Häuserverzeichnis von 1799 steht dann "Die Judenschul, Kleine Ochsengasse 441", und auch der Weg durch die Hinterhöfe trägt die Bezeichnung "Durchgang durch die Judenschul". Was wir hier sehen, ist also die wirklich 1737 eingeweihte Synagoge. Das Grundstück wird später die Adresse "Kleine Ochsengasse Nr. 12" bekommen. Einen Grundriss wie auf der Karte von 1866 sehen wir allerdings noch nicht. Wie genau es zu der der ersten Synagoge in der Kleinen Ochsengasse kommt, beschreibt Diehl:
In des Hofjuden Baruch Löw Haus blieb die Judenschule bis zu dessen 1714 erfolgtem Tode. Als in diesem Jahre Baruchs in der alten Vorstadt gelegenes Haus verkauft wurde, nahm der Jude Benedict David die Synagoge auf. Hier blieb sie über 20 Jahre. Im Jahre 1735 weigerte sich Benedict Davids Sohn, ..., die Schule weiter zu behalten. Auch war der Raum für die "angewachsene gemeine Darmstädter Judenschaft" etwas zu klein geworden. Man machte deshalb von einem von der "Hainle, Meyer Cassels Wittib", gemachten Anerbieten Gebrauch und kaufte deren Haus, das in der Kleinen Ochsengasse gelegene frühere Daubische Haus, das große Hintergebäude aufwies, für 3600 fl. an. Bürgermeister und Rat gaben sich alle Mühe, den Verkauf rückgängig zu machen, da das Haus mitten in der Stadt gelegen sei und infolgedessen viele Bürger wegen des Lärmens in der Synagoge geärgert werden würden. Aber es half nichts. Der Kauf wurde vom Landgraf genehmigt und mit nicht geringen Kosten im Hinterbau des Hauses nach der Großen Ochsengasse hin eine Synagoge gebaut. Am 4. Juni 1737 wurde diese erste wirkliche Synagoge eingeweiht.

Bis auf die Karte von 1799 haben wir leider keine weiteren Hinweise, wie diese Synagoge zunächst ausgesehen haben mag. In den Adressbücher finden wir sie allerdings an der bekannten Stelle, z.B. 1822: "District B, Nr. 39: Synagoge der Judenschaft".

Im Jahr 1842 jedenfalls wurde genau diese erste Synagoge umgestaltet. Das ist zwar nicht auf Karten und Darstellungen unmittelbar nachzuvollziehen, aber vermutlich bekommt sie da den Grundriss, den wir von 1866 kennen. Sie taucht auch weiterhin in den Adressbüchern auf: 1843 "Kleine Ochsengasse 39, Synagoge, Israelitische Gemeinde", 1845-1860 dto., 1863 "Kleine Ochsengasse 39, Der israelitischen Gemeinde gehörig. (Synagoge)". In diesem Handbuch für Reisende von 1846 ist die Synagoge mit "G" gekennzeichnet.

1863 / 1864 kam es jedoch zur einer Spaltung der judischen Gemeinde in Darmstadt. Diehl schreibt:
"..., daß in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts sich von der Judenschaft zu Darmstadt eine Anzahl von Gliedern, meistens vom Lande eingewanderte, lossagte und eine eigene Gemeinschaft gründete, die heutige "israelitische Religionsgesellschaft". Diese der orthodoxen Richtung huldigende Gemeinde, die damals zum Beispiel der Einführung von Orgeln und anderen dem Buchstaben des Gesetzes widerstreitenden Neuerungen ablehnend gegenüberstand, baute für ihre Zwecke im Jahre 1864 ganz in der Nähe der 1737 errichteten Synagoge, in dem Hofraum eines Hauses in der Kleinen Ochsengasse, ein Schul- und Bethaus, das am 4. März 1864 eingeweiht wurde. Der Bau kam dadurch zustande, daß man an ein altes Hintergebäude des heute der Witwe Lippmann May gehörenden Hauses, Kleine Ochsengasse 14, einen chorähnlichen Anbau machte und beide zusammen als Gotteshaus einrichtete."

Das ist also die Synagoge, die wir von o.g. Bild her kennen, sie liegt in der Kleinen Ochsengasse 14. Somit ist es nur die zweitälteste Synagoge in der Darmstädter Altstadt.

Eine zeitlang müssen die beiden Synagogen nebeneinander existiert haben. 1873 entschloß sich die orthodoxe Gemeinde zu einem Neubau in der Bleichstraße, 1876 zog die liberale Gemeinde mit dem Neubau in der Friedrichstraße nach. Die alte Synagoge in der Kleinen Ochsengasse 12 wurde danach abgerissen. Diese Tatsache wird z.B. in dieser Karte von 1878 eingetragen. Das wohl eher wenig und kurz benutzte Gebethaus in der Nr. 14 bleibt jedoch etwas unter dem Radar. 1866 auf jeden Fall sehen wir seinen von obigem Bild bekannten Grundriss noch nicht. Erst nach dem Altstadtdurchbruch erscheint das Haus nun korrekt auf den Karten. Es wird dann offenbar vielfach fälschlicherweise für die Synagoge von 1737 gehalten.

Auch die Informationen in den Adressbüchern zu diesem zweiten Gebetshaus sind spärlich. Immerhin ist 1865 neben der Synagoge in der Nr. 12 nun neuerdings in der Nr. 14 ein "Rabinats-Candidat Sülzbacher" zu finden, der zuvor nur in der Nr. 10 war. Ab 1876 taucht dann der schon o.g. "May, Lippmann, Trödler" für die Nr. 14 auf. Wie das Gebetshaus von da an genutzt wird, ist mir nicht bekannt. Im selben Jahr ist die Nr. 12 dann auch als der "Stadt Darmstadt gehörig" angegeben. Die Synagoge dort wird daraufhin abgerissen, das Grundstück wird aber erst viele Jahre später beim Altstadtdurchbruch komplett geräumt.

Zum Abschluß will ich noch verdeutlichen, daß unser fragliches Bild das durch den Altstadtdurchbruch freigestellt Haus darstellt, das wir auf den Karten von 1905 auf dem Grundstück Kleine Ochsengasse Nr. 14 sehen. Der Abbruch der Häuser drumherum ist noch nicht so weit fortgeschritten wie auf der Karte. Bei der Orientierung hilft uns dieses Bild aus der selben Zeit. Hier wird klar, daß wir uns auf dem freigeräumten Grundstück der Nr. 12 (also der längst nicht mehr existierenden ältesten Synagoge) befinden, wir schauen auf die Häuser Kleine Ochsengasse Nr. 9 und 11, die auch bald fallen werden. Auf den Bildern 5 und 6 ist das noch einmal mit einer Fluchtlinie verdeutlicht. Links am Bildrand ist eindeutig das "Gebetshaus" von 1864. Hier das Ganze ein wenig später, als der Altstadtdurchbruch abgeschlossen ist. Und hier mit fertiggestellter Landgraf-Georg-Straße.


     
  Bild 1  
     
Bild 1

     
  Bild 2  
     
Bild 2

     
  Bild 3  
     
Bild 3

     
  Bild 4  
     
Bild 4

     
  Bild 5  
     
Bild 5

     
  Bild 6  
     
Bild 6

[Serie]

22.11.21 13:21 breiter Kristof [0 Kommentare]


Stadtrundgang Darmstadt (Teil 7)


Nach einer kleinen Pause wollen wir heute Richtung Luisenplatz gehen. Auf dem Weg dorthin kommen wir durch die Ernst-Ludwig-Straße.

[mehr ...]

     
  Bild 1: Ernst-Ludwig-Straße  
     
Bild 1: Ernst-Ludwig-Straße

     
  Bild 2: Rheinstraße und Luisenplatz  
     
Bild 2: Rheinstraße und Luisenplatz

     
  Bild 3: Kanzleigebäude  
     
Bild 3: Kanzleigebäude

     
  Bild 4: Zeppelin  
     
Bild 4: Zeppelin

     
  Bild 5: Alexanderpalais  
     
Bild 5: Alexanderpalais

     
  Bild 6: Alexanderpalais  
     
Bild 6: Alexanderpalais

     
  Bild 7: Ständehaus  
     
Bild 7: Ständehaus

     
  Bild 8: Ständehaus  
     
Bild 8: Ständehaus

     
  Bild 9: Cafe Ernst Ludwig  
     
Bild 9: Cafe Ernst Ludwig

     
  Bild 10: Hauptpostamt  
     
Bild 10: Hauptpostamt

     
  Bild 11: Neuer Darmstädter Hof  
     
Bild 11: Neuer Darmstädter Hof

     
  Bild 12: Neuer Darmstädter Hof  
     
Bild 12: Neuer Darmstädter Hof

     
  Bild 13: Stadthaus  
     
Bild 13: Stadthaus

     
  Bild 14: Neckarstraße  
     
Bild 14: Neckarstraße

     
  Bild 15: Kasino  
     
Bild 15: Kasino

     
  Bild 16: Reichsbankgebäude  
     
Bild 16: Reichsbankgebäude

[Serie]

19.11.21 12:24 breiter Kristof [0 Kommentare]


19 Jahre



     
   
     


17.11.21 09:11 breiter Kristof


Abendstimmung (letztens)



     
   
     


17.11.21 08:44 breiter Kristof [0 Kommentare]


Sound of Sauerkraut


Die ganze Familie wendet mal wieder uralte Kulturtechniken an. Alles ganz frisch gemacht, nur der Sound kommt aus der Konserve.


17.11.21 08:38 breiter Kristof [0 Kommentare]


Nachtgrillen



     
   
     


16.11.21 08:52 breiter Kristof [0 Kommentare]


Nahrung


Selbstgelegter Pfannkuchen


     
   
     


12.11.21 19:47 breiter Kristof [2 Kommentare]


Aus den Akten (8)


Hier nun weitere Vernehmungsprotokolle zum Thema Zerstörung der Synagoge in Langen. Wir beginnen mit Martin Kolb:

Ortspolizei-Verwaltung Langen, Vernehmung. Langen, den 10.Sept.1946

Auf Vorladung erscheint der Ofenwärter Martin Kolb, geb. am 31.1.04 in Langen, verheiratet, wohnhaft Langen, Behelfsheim 12 im Linden. Mit dem Gegenstand seiner Vernehmung bekannt gemacht und zur Wahrheit ermahnt, erklärt zur Sache folgendes:

Am Tage des Synagogenbrandes hatte ich meinen freien Tag und verbrachte denselben in meiner Wohnung (ich wohnte zu der Zeit in der Dieburgerstrasse, schräg gegenüber der Synagoge). Meine Frau machte mich auf Geräusche, die aus der Richtung der Synagoge kamen aufmerksam und fragte, Martin was ist da los. Ich ging daraufhin zur Synagoge und als ich dieselbe betrat, sah ich verschiedene Bekannte, wie sie mit Äxte, Beile usw. die Inneneinrichtung kaputtschlugen. Ich fragte den ersten besten, der mir in den Weg kam, was ist hier los und was wird hier gespielt. Darauf entgegnete mir derselbe, frage nicht so dumm, sondern nehme eine Axt und haue mit drauf. Darauf habe ich das erste Beil, das ich fand, in die Hand genommen und mit zugeschlagen.

Der Name des Mannes der mir die Antwort gab, ist mir heute entfallen. Von den Leuten, die bei meinem Betreten der Synagoge mit dem Zerstören der Inneneinrichtung beschäftigt waren, kann ich mit Bestimmtheit benennen:

Ludwig Schwinn, Heinrich Dröll, Wilhelm Dietzel, (F.G.), Wilhelm Görich, Adolf Eichhorn, Wilhelm Daum, Ortsgruppenleiter Wilhelm Barth, Peter Sehring.

Als ich in der linken hinteren Ecke mit dem Zerstören von Bänken und Stühlen beschäftigt war, wurde aus der rechten vorderen Ecke plötzlich der Ruf laut, die Synagoge brennt. Darauf habe ich alles liegengelassen, bin in meine Wohnung gegangen, habe mich dort umgezogen und bin mit dem Fahrad zum Spritzenhaus gefahren, da ich Mitglied der freiwilligen Feuerwehr war.

Über die Brandlegung kann ich keine bestimmten Angaben machen. Ich verdächtige sehr stark den Ludwig Schwinn, den Ortgruppenleiter Wilhelm Barth, den Adolf Eichhorn und den Wilhelm Dietzel. Eine bestimmte Begründung meines Verdachtes kann ich nicht geben, sondern es ist von mir reine Gefühlssache, da diese vier Leute als fanatische Judenhasser bekannt waren und am Abend vor dem Brande nach einer Übertragung der Führerrede über den Mord des Botschafters von Rath in Paris, von diesen die Bemerkung gemacht wurde: "Jetzt gibt es nur noch eins, alles anstecken und die Juden rausschmeissen."

Dieses ist die reine Wahrheit, weitere Angaben kann ich zur Zeit nicht machen.

Auch Martin Kolb wurde später zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt.

Es gibt auch noch einen Georg Kolb. Leider ist bei der Abschrift seines Vernehmungsprotokolls die Jahreszahl nicht erkennbar:

Schutzpolizei Langen -Vernehmung.- Langen, den 31.7.(..)

Auf Vorladung erscheint der Hausmeister a.D. Georg Kolb, geb. am 6.2.09 in Langen, verheiratet, wohnhaft in Langen, Frankfurterstrasse 19. Mit dem Gegenstand seiner Vernehmnung bekanntgemacht und zur Wahrheit ermahnt, erklärt zur Sache folgendes:

Am Tage des Synagogenbrandes im Jahr 1938 musste ich dienstlich in meiner Eigenschaft als Hausmeister nach Egelsbach. Als ich von meiner Dienstfahrt zurückkam, und meine Wohnung betrat, erklärte mir meine Frau, dass schon zweimal jemand dagewesen sein und nach mir gefragt hätte. Zuletzt wurde die Weisung des Ortsgruppenleiters Barth zurückgelassen, ich sollte nach Rückkehr umgehend ihn auf seinem Dienstzimmer aufsuchen. Ich fuhr sofort zum Rathaus und meldete mich bei dem Ortsgruppenleiter B., der in seinem Dienstzimmer sass. Die genaue Uhrzeit des Betretens des Dienstzimmers kann ich heute mit Bestimmtheit nicht mehr angeben. Meiner Meinung nach wird es kurz vor 10.00 Uhr gewesen sein. Ich hatte bei Betreten des Zimmers den Eindruck, dass eine längere Sitzung vorher in demselben gewesen sein muss, da mehrere Zigaretten(reste) im Aschenbecher lagen und Stühle um den Tisch standen. Anwesend in dem Zimmer waren Ortsgruppenleiter B., Ludwig Schwinn und ein Feuerwehrmann, dessen Name mir z.Z. entfallen ist. Alle sind mir seit Jahren bekannt. B. empfing mich mit den Worten: Du kommst aber spät, überall brennen die Synagogen und hier ist nichts los. Geh sofort zum Karl Vetter in die Dieburgerstrasse (der weiss schon Bescheid) und hole einen Kanister Benzin. Gehe von hinten in die Synagoge und schütte das Benzin aus, das Zeug wird schon brennen. Ich entgegnete ihm, die Sache liegt mir nicht, hast du nicht einen anderen für diese Aufgabe. Er entgegnete wörtlich, nun haue aber ab, alle anderen sind in dieser Aktion schon unterwegs. Daraufhin fuhr ich mit meinem Rad in die Dieburgerstrasse und da sah ich schon von Weitem Rauchschwaden aus der Synagoge aufsteigen. Ich fuhr weiter zur Synagoge und sah, dass dort Hitlerjungen mit den Talaren herumsprangen. Betreten habe ich die Synagoge nicht. Unter den Hitlerjungen erkannte ich mit Bestimmtheit den (H.D.). Kurze Zeit später erschien die Feuerwehr und ich fuhr mit meinem Fahrad zum Rathaus zurück und meldete dem Ortsgruppenleiter B. persönlich, dass die Synagoge ja schon brennen würde. Er entgegnete darauf, na dann ist es ja gut.

Ich bin zu der Zeit des Synagogenbrandes Zellenleiter in der NSDAP gewesen, habe mich aber aktiv an der Brandlegung bezw. Zerstörung der Synagoge nicht beteiligt. Ich bin bereit, diese gemachten Aussagen jederzeit bei Gericht unter Eid zu nehmen. Dieses ist die reine Wahrheit, weitere Angaben kann ich nicht machen.

Friedrich Görich, auch hier ist die Jahreszahl unklar:
Ortspolizei-Verwaltung Langen -Vernehmung- Langen, den 29.8.(..)

Auf Vorladung erscheint der K.f.Z. Handwerkermeister Friedrich Ludwig Görich, geb. am 29.(.).03 in Langen, verheiratet, wohnhaft in Langen, Rheinstrasse 4. Mit dem Gegenstand seiner Vernehmung bekannt gemacht und zur Wahrheit ermahnt, erklärt zur Sache folgendes:

Am Brandtage der Synagoge probierte ich einen Kraftwagen aus und als ich mit demselben zur Werkstatt in die Rheinstrasse zurückkam, strömte eine Menschenmenge die Dieburgerstrasse herauf und es hiess allgemein, die Synagoge brennt. Ich fuhr mit dem Wagen sofort zum Brandort und traf dort meine Feuerwehr, die bereits sämtliche Schläuche angelegt hatten, an. Mit den Löscharbeiten hatten sie noch nicht begonnen, da der Ludwig Schwinn der Feuerwehr verboten hatte, den Brand zu löschen. Ich ordnete sofort die Aufnahme der Löscharbeiten an, worauf Ludwig Schwinn mir entgegnete: Hier wird nicht gelöscht. Ich entgegnete ihm darauf, ich sei Brandmeister und das wäre meine Aufgabe und nicht Sache der Partei. Peter Sehring und ich ergriffen ein Strahlrohr. Meine Feuerwehrleute hatten inzwischen das Wasser aufgedreht und wir beide hielten das herausströmende Wasser auf Ludwig Schwinn, der darauf das Feld räumte.

Die Angaben des Peter Sehring vom 20.8.46 wurden mir vorgelesen. Beim Benennen meiner Person muss sich Sehring irren, da nicht ich sondern soviel ich weiss, der Jakob Seip an dem Tage des Brandes den Feuerwehrwagen gefahren hat.

Die Vernehmungsniederschrift des Wilhelm Barth vom (..).(..).46 wurde mir auszugsweise bekanntgegeben. Die Angaben entsprechen nicht der Wahrheit. Ich kann heute nicht mehr mit Bestimmtheit angeben, ob ich den B. am Brandort gesehen habe. Mit Bestimmtheit und jederzeit kann ich die eidesstattliche Erklärung abgeben, dass B. sich in gar keiner Art und Weise für die Löschung des Brandes eingesetzt hat, da wie ich bereits in meiner Vernehmung angab, die Differenzen mit Ludwig Schwinn gehabt habe.

Nach Löschung des Brandes und nach Beseitigung der Gefahr, habe ich den Befehl zum Abmarsch der Feuerwehr gegeben und ich bin auch selbst nach Hause gegangen. Dieses ist die reine Wahrheit und ich bin bereit, die gemachten Aussagen jederzeit vor Gericht unter Eid zu nehmen.

Schließlich noch Sophie Dieckler, eine der wenigen zufälligen Zeugen:
Offenbach, den 27.9.1946 - Auf Vorladung erscheint die Ehefrau Sophie Dieckler, geb, am 29.6.82 zu Langen, geschieden, wohnhaft in Langen, Friedhofstrasse 9. Mit dem Gegenstand ihrer Vernehmung bekannt gemacht und zur Wahrheit ermahnt, erklärt zur Sache folgendes:

Ende Oktober oder Anfang November arbeitete ich auf meinem Felde, etwa 60 bis 80m von der Synagoge entfernt. In den Morgenstunden (ab 8.00 Uhr) sah ich städtische und Gemeindearbeiter von aussen in der Synagoge arbeiten. Ich erkannte mit Bestimmtheit die Herren Heyden und Bär, die den Arbeitern Anweisungen gaben. Etwa 2 Stunden später hörte ich dumpfe Schläge aus der Synagoge schallen, ich sah des Öfteren hin und sah, wenn die Tür aufging, Bänke, Tische, Stühle und dem Pfarrer sein Gewand auf einem Haufen lagern. Von den Personen, die in die Synagoge hinein und heraus gingen, erkannte ich mit Bestimmtheit, den Eichhorn, Görich und Döring Karl, der von aussen an der Ampel hing. Plötzlich hörte ich eine laute Stimme, die anordnete, dass alles von und aus der Synagoge zurücktreten sollte. Ich sah einen Drückkarren beladen mit Handwerkszeug und eisernen Gegenständen wegdrücken. Der Wagen wurde weggedrückt durch Gaswerksarbeiter und städtische Arbeiter die mir von Ansehen alle bekannt waren, auf deren Namen ich mich heute aber nicht mehr besinnen kann. Einige Zeit später sah ich eine hellen Schein aus der Synagoge. Es schien zu brennen, man konnte aber nicht weiteres beobachten. Eichhorn kam nach einiger Zeit zur Synagoge und Görich kam mit einem jungen, etwas schmalen kleinen Männchen als er selbst aus der Synagoge und sagte zu Eichhorn: Es geht nicht an, das Zeug brennt ja nicht. Darauf erwiederte Eichhorn, das habe ich mir gedacht, ich gebe euch einen Kanister mit Benzin. Der kleine Mann, der bei Görich war, holte die Kanne mit Benzin und ich sah, wie er mit derselben die Dieburgerstrasse herauf kam und Görich damit in die Synagoge ging. Eichhorn ging zurück und verschwand in die Hügelstrasse. Einige Minuten später kam Görich und sein Helfer aus der Synagoge heraus und verschwanden in Richtung Dieburgerstrasse. Ich glaubte direkt nach dem Herauskommen derselben, Rauch aus den Fenstern der Synagoge zu sehen. Plötzlich wurde auch im Ort Feueralarm gegeben und die Synagoge brannte.

Ich vermute stark, dass Görich und sein Helfer den Brand gelegt haben. Sie waren jedenfalls die Letzten, die aus der Synagoge heraus kamen und direkt nach dem Herauskommen derselben habe ich die Rauchschwaden aus dem Innern der Synagoge aufsteigen sehen. Dieses ist die reine Wahrheit, weitere Angaben kann ich nicht machen.

     
  Langen von Osten, links die Synagoge, 1930er-Jahre  
     
Langen von Osten, links die Synagoge, 1930er-Jahre


12.11.21 17:49 breiter Kristof [0 Kommentare]


Aus den Akten (7)


Als einer der Haupttäter bei der Zerstörung der Synagoge in Langen wird vielfach Ludwig Schwinn genannt, ein weiterer als besonders gewalttätig verrufener Nazi. Hier seine Aussagen von 1947:

Langen, 11.10.47 - Ludwig Schwinn, geb. 22.12.11 in Langen, wohnh. Giengen / a.d. Brenz, Steigstr. 8

Am Tage des Synagogenbrandes arbeitete ich als Angestellter auf dem Gaswerk in Langen. Am Vormittag (Uhrzeit kann ich heute nicht mehr angeben) beorderte mich der Ortsgruppenleiter Barth telefonisch aufs Rathaus. Er rief mich persönlich an, indem er sinngemäss die Worte gebrauchte: "Ludwig, ich brauche Dich in einer dringenden Sache und bringe dazu die Listen mit." (Bei den Listen handelt es sich um eine Evakuierungsgeschichte der Bevölkerung am Westwall.) Ich fuhr daraufhin, nachdem ich zuerst noch frühstückte, mit dem Fahrrad zum Rathaus. Auf der Fahrgasse, in Höhe des Geschäftes Bach, erfuhr ich durch Kinder, dass die Synagoge brennen würde. Ich fuhr trotzdem weiter zum Rathaus und traf B. am Treppenaufgang im Rathaus. Dort sagte mir B., dass die Synagoge brenne und aller Wahrscheinlichkeit nach angesteckt worden wäre. In Frankfurt und Umgebung sollten ebenfalls Synagogen brennen. Die weitere Unterhaltung zwischen uns kann ich heute nicht mehr angeben, jedenfalls wollte B. gerade zur Synagoge gehen und bat mich mitzugehen. Ich war damit einverstanden und begleitete ihn. Wie wir die Synagoge erreichten, schlugen die hellen Flammen heraus und die Feuerwehr traf die ersten Vorbereitungen zur Bekämpfung des Brandes. Ich habe mich dort um nichts gekümmert und bin nach einiger Zeit wieder mit B. zum Rathaus gegangen. Dort übertrug mir B. die Evakuierungsgeschichte der Bevölkerung am Westwall und ich verliess das Rathaus und begab mich zur Geschäftsstelle der NSDAP, wo ich bis spät in den Abend arbeitete.

Mit der Brandlegung bezw. Zerstörung der Synagoge habe ich nichts gemein. Ich vermute, dass es Sache der SA gewesen ist und vielleicht weitere Angaben der damalige Sturmführer Karl Döring, Langen, Wiesgässchen machen könnte.

Auf die eindringlichen Vorhaltungen des Vernehmenden hin bin ich nun bereit, ein volles Geständnis abzulegen:

Meine vorher gemachten Aussagen entsprechen nicht der Wahrheit. Ich habe dieselben lediglich im Interesse anderer Leute gemacht, um dieselben zu decken. Durch die Kriegsjahre und die anschliessende Internierungshaft bin ich körperlich in einem sehr schlechten Zustand. Ich leide an beiderseitiger offener Lungentuberkulose und mein Gedächtnis ist nicht mehr das alte. Vor allen Dingen kann ich mich heute nur noch sehr schlecht auf Namen und Einzelheiten besinnen. Zu der Zerstörung bezw. Brandlegung der Synagoge habe ich folgendes zu sagen: Am frühen Vormittag des Tages des Synagogenbrandes rief mich Barth telefonisch an und bat um mein sofortiges Kommen, da er für mich einen ehrenvollen Auftrag habe. Weitere Einzelheiten gab er mir am Telefon nicht. Ich fuhr sofort zu ihm, ob ins Rathaus oder seine Wohnung, kann ich heute mit Bestimmtheit nicht mehr angeben. Dort gab er mir den Auftrag, die Synagoge in Brand zu setzen. Er sagte sinngemäss etwa folgendes:

Ludwig, Du bist als alter Kämpfer von mir dazu ausersehen, die Synagoge in Brand zu setzen.

Auf Grund dieses Befehles begab ich mich zur Synagoge. Soweit ich mich entsinne ging B. mit mir. Ich habe dunkel in Erinnerung, dass ein Dritter dazukam und uns die Schlüssel brachte. Wir schlossen auf, oder ob der Dazukommende aufschloss, weiss ich nicht mehr. Ebenfalls kann ich seinen Namen nicht mehr angeben. Anschliessend betraten wir das Innere der Synagoge. Dort sahen wir uns die Geschichte an. Zwischenzeitlich wurde es in der Synagoge lebhafter. Stühle, Gebetbücher, Schränke usw. wurden umgerissen und zusammengeworfen. Die Namen der Leute sind mir heute entfallen. Falls dieselben mir bis zur Verhandlung wieder einfallen, werde ich dieselben benennen. Wie es nun zu der eingentlichen Brandlegung gekommen ist, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich gebe zu, dass ich an den Vorbereitungen zu der Brandlegung aktiv beteiligt war, wer das Streichholz anzündete, weiss ich nicht. Mit Bestimmtheit kann ich sagen, dass ich es nicht war.

Des weiteren möchte ich noch erwähnen, dass ich mit Barth längere Zeit nach dem Brande über denselben gesprochen habe, und dass ich daher B. gesagt habe: "Ich sollte seinerzeit die Brandlegung tätigen und habe es garnicht getan."

Abschliessend möchte ich nochmals kurz zusammenfassen. Der Ortsgruppenleiter Barth hat mir den Auftrag zur Brandlegung persönlich gegeben. Auf Grund dieses Befehles habe ich die Vorbereitungen getroffen. Gesetzesrollen im Innern der Synagoge zerrissen, jedoch habe ich nicht das Streichholz angezündet. Sollten mir weitere Einzelheiten einfallen, werden ich dieselben freiwillig zu Protokoll geben. Ich habe vorstehende Aussagen freiwillig und ohne jedlichen Zwang getätigt. Dieselben wurden mir vorgelesen und ich erkenne sie als die meinigen an.
Wenige Tage später fällt Schwinn offenbar doch noch etwas ein. Er schreibt:
Zu meinen Aussagen vom 11.10.1947 habe ich noch folgendes hinzuzufügen:

Nach eingehender Überlegung ist mir in Erinnerung gekommen, dass sehr wahrscheinlich die Synagoge schon geöffnet war, als ich mit Barth dort eintraf und eine ganze Anzahl von Leuten sich schon darin befanden. Eine Gesetzrolle hing mir schon kurz nach dem Eintritt von oben entgegen. Es müssen also noch andere Personen den Auftrag gleicher Natur gehabt haben und vermutlich war es Sturmführer Karl Döring mit seinen Leuten. Ich schätze die Zahl der in der Synagoge anwesend gewesenen Personen, die sich mehr oder weniger bei der Zerstörung der Synagoge betätigten, auf 10 Mann an der Zahl.

Weitere Einzalheiten sind mir inzwischen nicht mehr eingefallen.

Offenbach, den 15.10.47 gez. Ludwig Schwinn

Auch Ludwig Schwinn wird später wegen schweren Landfriedensbruchs zu 9 Monaten Haft verurteilt.


     
  Ruinen der Synagoge 1944  
     
Ruinen der Synagoge 1944


12.11.21 11:38 breiter Kristof [0 Kommentare]



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28.11.2021, 09:29:33