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Stadtrundgang Darmstadt (Teil 7)


Nach einer kleinen Pause wollen wir heute Richtung Luisenplatz gehen. Auf dem Weg dorthin kommen wir durch die Ernst-Ludwig-Straße.

  • Bild 1: Wir schauen also die Ernst-Ludwig-Straße entlang nach Norden und sehen am Ende den weissen Turm. Der Bebauungszustand scheint tatsächlich dem zu gleichen, den wir auf der Karte von 1866 sehen. Allein in der Blickachse zum Weissen Turm stehen noch ein paar Gebäude, die wir auch 1858 noch auf der Karte finden, als es noch keine Ernst-Ludwig-Straße gab. Diese taucht in den Adressbüchern ab 1863 rudimentär mit drei Einträgen ohne Hausnummern auf ("Fey, Schreinermeister, Geuter, Schreinermeister, Geuter, Schreinermeister"). Erst 1865 ist dann die Straße etwas belebter und wir erfahren, wo die beiden Schreiner tatsächlich ihre Häuser hatten. Es handelt sich um die Nr. 11 und 13 (Geuter) sowie die Nr. 23 (Fey). Zu den Schildern auf unserem Bild passt das aber noch nicht. In der Nr. 23 sind allerdings 1865 und 1867 auch noch "Emma und Auguste Pröbster, Töchter des + Kürschners" sowie die "Ww. des Kürschners" gemeldet. Zuvor 1863 war ihre Adresse noch "Rheinstr.". Andererseits ist 1867 kein "Ekert" im Adressbuch zu finden, erst 1870 taucht er auf als "Ekert, Eduard, Kaufmann. Ernst-Ludwigstr. 21". 1870 sind wiederum die Schwestern Pröbster in die Ernst-Ludwig-Str. 18 umgezogen. Die Datierung des Bildes muss also etwas schwammig "um 1866" bleiben, möglicherweise werden die Häuser vor dem weissen Turm gerade abgerissen.
  • Bild 2: Endlich kommen wir zum Langen Lui, wir schauen die Rheinstraße entlang Richtung Schloß, auf der rechten Seite ist der "Darmstädter Hof". Das Bild wirkt ziemlich grob und alt, es scheint noch keine Straßenbahn zu geben. Der einzige konkrete Datierungshinweis, der mir auffällt, ist die Post auf der linken Seite. Noch existiert eine Lücke zwischen dem Postamt (Rheinstr. Nr. 11) und dem Nachbarhaus Nr. 13. Ab 1876 werden beide Gebäude zum "Post- und Telegraphen-Gebäude" zusammengefasst.
  • Bild 3: Auch auf dem nächsten Bild wirkt die Residenzstadt eher ruhig. Es ist von 1884 und zeigt das alte Kanzleigebäude (Blick vom Luisenplatz in Richtung Norden).
  • Bild 4: Es war aber auch manchmal etwas los in Darmstadt, z.B. wenn ein Zeppelin über Stadt geflogen ist. Dann haben sich sogar die Leute auf dem Dach des Kanzeigebäudes gedrängelt. Ausnahmnsweise wissen wir sogar mal das genaue Datum: 31.7.1909, allerdins sind sich das Stadtlexikon und die vorliegende Postkarte nicht über den Typ des Zeppelins einig.
  • Bild 5: Ein weiterer Hingucker auf dem Luisenplatz: Das "Prinz Alexanders Palais" von 1804, ein beliebtes Motiv. Wegen der langen Belichtungszeit wirken die Wachen und Passanten wie Geister.
  • Bild 6: Der selbe Anblick von etwas weiter weg.
  • Bild 7: Beim Blick nach Südwesten sehen wir das Ständehaus von 1839, zuvor "Prinz-Christian-Palais", rechts daneben wieder den "Darmstädter Hof". Links erkennt man einen Durchgang zwischen den Ständehaus und dem Nachbargebäude, das war mindestens bis 1866 so, ab 1873 dann nicht mehr. Im Vordergrund ist ein Passant fachmännisch aus dem Bild herausretuschiert worden.
  • Bild 8: Hier das Ständehaus dann auf einem Bild von 1888. Die Lücke links ist geschlossen, rechts die gerade verlegten Schienen der Straßenbahn.
  • Bild 9: Und noch einmal das Ständehaus, diesmal gesehen aus der Rheinstraße und zu einem späteren Zeitpunkt. Als Datum für diese Postkarte mit dem "Cafe Ernst Ludwig" wird als Datum bisweilen ca. 1905 genannt. Früher kann das Bild aber auf keinen Fall entstanden sein, denn bis 1905 ist im Adressbuch die ganze Seite des alten "Darmstädter Hofs" mit "Rheinstraße Nr. 12" benannt. Das Stadtlexikon erläutert uns dazu: "Der alte „Darmstädter Hof“ wurde 1903 abgerissen und durch einen imposanten Neubau ersetzt". Die repräsentative Front zur Rheinstraße wird offenbar lukrativ vermietet bzw. verkauft. 1906 finden wir die Aufteilung in die Nummern 12, 12 1/4, 12 1/2 und 12 3/4, wobei dann in der Nr. 12 direkt neben den Ständehaus ein "Schottenhaml, Josef (Cafe Ernst Ludwig) Telefon 316" auftaucht, im gleichen Haus auch "Rösinger, Michael, Kaufmann" und "Cronenbold, v., Dina, Freifrau, Exzellenz, Ww. des K. K. österreich. Feldzeugmeisters". Auch die anderen Teile an der Rheinstraße beherbergen wohlklingende Namen. 12 1/4: "Kahn, Leopold, Bankier. Fuld, Ludwig, Kaufmann. Hildebrand, Wilh., Malzfabrikant. Kaiser-Automat (Restaurant). Nieder, Heinrich, Haufmann (Laden). Reich, C. u. Ch., Schönfärberei und chem. Waschanstalt (Laden)" 12 1/2: "Baumbach, Heinrich, Privatier. Ehrhardt, Wilh., Tapetenfabrikant. Odenwälder Hartstein-Industrie (Bureau). Waal, de, Hugo, Tabak- und Zigarrenhandlung (Hoflieferant) (Laden). Zetzsche & Co., G.m.b.H., Galanterie-, Spiel- und Luxuswaren (Laden)." 12 3/4: "Lautz, Heinr., Papier-, Schreib- und Zeichenwaren (Geschäftslokal). Herren-Klub. Meyer, Carl, Juwelenhändler." Der neue "Darmstädter Hof" entsteht dann in der Grafenstraße an der Ecke zur Waldstraße (heute Adelungenstraße).
  • Bild 10: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite das "Hauptspostamt", nun in seiner Form nach 1876. Strassenbahnschienen kann ich nicht erkennen, die könnten aber auch wegretuschiert sein.
  • Bild 11: Wie schon erwähnt, eröffnete der neue "Darmstädter Hof" in der Grafenstraße. Das ursprüngliche Eckhaus hatte die Adresse Waldstraße 11, laut Adressbüchern wurde es 1905 vom Bauunternehmer Jakob Zeller gekauft und abgerissen, denn 1906 verschwindet es erst einmal. 1907 erscheint dann eine neue Adresse, nämlich die Grafenstraße 22 1/2 mit "Welchert, Anton, Restaurateuer. (Hotel Darmstädter Hof)". Sie bezeichnet den Neubau an der selben Stelle. Was genau dieser auf dem Bild erwähnte "Kaisersaal" ist, weiss ich leider nicht.
  • Bild 12: Noch ein Bild vom neuen "Darmstädter Hof". Laut Beschriftung wird es nun betrieben von einem Rudolf Doll. Nach o.g. "Anton Welchert" finden wir aber 1907 zunächst "Rees, Jean, Restaurateur (Hotel Darmstädter Hof)", 1909 wieder "Anton Welchert" und ab 1911 dann "Doll, Rudolf, Restaurateur". Doll bleibt bis 1936 Besitzer des Hotels, erst 1937 wird es von einem "Rudolf Buchenthal" übernommen.
  • Bild 13: Gehen wir nun die Rheinstraße entlang Richtung Westen durch die Mollerstadt. Auf der linken Seite sehen wir die Rheinstraße Nr. 18, ein sogenanntes "Stadthaus" der Stadtverwaltung von Darmstadt. Das Stadtlexikon schreibt dazu (verwechselt dabei aber die Nummern 16 und 18): "1885 erwarb die Stadtverwaltung das Wohnhaus Rheinstraße 16 und baute es zu einem Stadthaus um, das bald ebenfalls nicht mehr ausreichte. 1904 wurde das Nachbarhaus Nr. 18 erworben, und beide Gebäude zu einem geräumigen Stadthaus umgebaut ..." Die Stadt kauft 1885 das Haus (wohlgemerkt die Nr. 18) von den "Erben des Oberstaatsanwalts Siebert". Hinter dem Haus lag ein prächtiger Garten, dort steht heute das Parkhaus Gartenstraße. Der Oberstaatsanwalt Dr. Siebert scheint also ein wohlhabender Mann gewesen zu sein. Schon bei den Planungen der Stadterweiterung durch Moller für dieses Grundstück ist ein "Siebert" vorgesehen (er selbst oder sein Vater?). Das Haus taucht nachweislich zuerst 1822 auf einer Karte (als Nr. 52) und 1840 in den Adressbüchern auf: "Siebert, P., Accessist, Rheinstraße E 103".
  • Bild 14: Ein kleines Stück weiter können wir die Neckarstraße hinunter nach Süden schauen. Die Stadt wirkt wie leergefegt und recht schmucklos. Rechts ist die markante Ecke des Kasinos. Ein Datum kann ich zu dem Bild nicht angeben, allerdings sind keine Straßenbahnschienen zu sehen (ab 1888).
  • Bild 15: Hier nun ein genauerer Blick auf das Kasino, also das "Haus der Vereinigten Gesellschaft, erbaut von Georg Moller". Die Datierung 1888 kann aufgrund der Gleise stimmen, ab 1898 gibt es dort dann zwei Spuren. Inzwischen hat man in der Neckerstraße übrigens ein paar Allee-Bäumchen gepflanzt.
  • Bild 16: In der Gegenrichtung steht in der Kasinostraße Nr. 5 das Reichsbankgebäude von 1904. Es ist eines der wenigen Häuser dort, die den 2. Weltkrieg halbwegs überstanden haben.

Bei der nächsten Etappe des Rundgangs schauen wir uns den Main-Neckar-Bahnhof an und kehren danach zurück zum Schloß.


     
  Bild 1: Ernst-Ludwig-Straße  
     
Bild 1: Ernst-Ludwig-Straße

     
  Bild 2: Rheinstraße und Luisenplatz  
     
Bild 2: Rheinstraße und Luisenplatz

     
  Bild 3: Kanzleigebäude  
     
Bild 3: Kanzleigebäude

     
  Bild 4: Zeppelin  
     
Bild 4: Zeppelin

     
  Bild 5: Alexanderpalais  
     
Bild 5: Alexanderpalais

     
  Bild 6: Alexanderpalais  
     
Bild 6: Alexanderpalais

     
  Bild 7: Ständehaus  
     
Bild 7: Ständehaus

     
  Bild 8: Ständehaus  
     
Bild 8: Ständehaus

     
  Bild 9: Cafe Ernst Ludwig  
     
Bild 9: Cafe Ernst Ludwig

     
  Bild 10: Hauptpostamt  
     
Bild 10: Hauptpostamt

     
  Bild 11: Neuer Darmstädter Hof  
     
Bild 11: Neuer Darmstädter Hof

     
  Bild 12: Neuer Darmstädter Hof  
     
Bild 12: Neuer Darmstädter Hof

     
  Bild 13: Stadthaus  
     
Bild 13: Stadthaus

     
  Bild 14: Neckarstraße  
     
Bild 14: Neckarstraße

     
  Bild 15: Kasino  
     
Bild 15: Kasino

     
  Bild 16: Reichsbankgebäude  
     
Bild 16: Reichsbankgebäude

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19.11.21 12:24 breiter Kristof [0 Kommentare]