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Stadtrundgang Darmstadt (Teil 3)


Im letzten Teil unseres Stadtrundgangs sind wir in der Altstadt angekommen und konnten einen Eindruck vom Ausmaß des sogenannten "Altstadtdurchbruchs" Anfang des letzten Jahrhunderts gewinnen. Wir hatten zuletzt die alte Synagoge gesehen. Diese Synagoge war allerdings nicht die erste in Darmstadt, zuvor muss es schon eine frühere Synagoge nur wenige Meter westlich gegeben haben, die aber ab 1878 von den Karten verschwindet.

In dieser Gegend wollen wir mit dem Rundgang fortfahren und einen Blick auf die "Kleine Ochsengasse" werfen.

  • Bild 1: Wir stehen auf dem Grundstück der (vermutlich schon abgerissenen) Kleinen Ochsengasse Nr. 12 und schauen südwestlich auf die später dann auch abgerissenen Häuser Nr. 9 und Nr. 11. Das Adressbuch von 1905 nennt uns für die Nr. 9: "Haas, Sigm., Möbelhändler" und für die Nr. 11 den schon bekannten "Harres, Eduard, Baumeister". Die Nr. 11 verschwindet 1906 aus den Adressbüchern, die Nr. 9 erst 1908. Dieser Sigmund Haas hat sich offenbar lange widersetzt.
  • Bild 2: Ein kurzer Abstecher die Kleine Ochsengasse hinunter zur Lange Gasse, hier sehen wir den Zustand der Lange Gasse Nr. 29 (1905: "Kunzmann, Hrch., Schuhmacher"): Sanierungsbedürftig, aber hübsch.
  • Bild 3: Auf dem nächsten Bild ist der Altstadtdurchbruch in vollem Gange, aber noch nicht ganz abgeschlossen. Wir stehen in der Neu-Gasse mit Blick nach Südwesten zur Kleinen Bach-Gasse, im Hintergrund erkennen wir die Stadtkirche. Das Haus rechts ist die Neu-Gasse Nr. 10, sie gehört - wir ahnen es - "Harres, Eduard, Baumeister" und erscheint 1906 zuletzt im Adressbuch. Es fällt dem Altstadtdurchbruch zum Opfer, wie auch schon die anderen Häuser auf der rechten Seite der Neu-Gasse. Wenige Jahre zuvor war rechts davon der alte Schlachthof abgerissen worden.
    Ebenso auf der rechten Seite sehen wir einen Brunnen, auf dem lässig eine Person sitzt. Dieser Brunnen befindet sich hinter dem Haus Nr. 10. Wenn wir das auf den Flurkarten angucken, finden wir den Brunnen als Viereck, aber schlicht an der falschen Stelle! In Wirklichkeit befand sich der Brunnen hier.
  • Bild 4: Wenige Zeit früher, selbe Stelle nur ein paar Schritte weiter vorn. Der Brunnen befindet sich wieder rechts, im Hintergrund wieder die Stadtkirche, wenn auch nur schemenhaft. Die Hausnummer 8 fehlt schon, während wir die Nr. 6 und die Nr. 2 noch deutlich erkennen. Sonderbarerweise verschwindet die Nr. 8 schon 1886 (zuvor "Stadt Darmstadt gehörig") aus dem Adressbuch, was bis 1906 mit dem Haus passiert, bleibt unklar. Das Haus Nr. 6, das wir auf dem Bild sehen, erscheint wiederum zuletzt 1874 im Adressbuch ("Ziffel, Peter, Schneider"). Warum bloß bleibt das Haus, verliert aber seine Hausnummer? Wird es möglicherweise als Betriebsgebäude vom Schlachthof übernommen? Ergeht es der Nr. 8 ähnlich? Ich weiss es nicht.
    Die Hausnummer 2 an der Ecke zur Kleinen Bach-Gasse, die wir ja auf dem Bild gut sehen, taucht zuletzt 1897 auf mit dem Besitzer "Simon, Benjamin, Handelsmann", welcher schon ein Jahr später in der der Bleichstr. 2 gemeldet ist. Das macht die Verwirrung komplett. Wie dem auch sei, diese beiden Häuser auf der rechten Seite werden schließlich auch fallen, wie wir auf dem letzten Bild gesehen haben.
    Die Häuser auf der linken Seite bleiben noch bis zum Krieg erhalten: Das Adressbuch 1906 besagt: Nr. 1 "Siegerich, Adam, Schreiner und Trödler", Nr. 3 "Rau, Johannes, Maler und Lackierer" und Nr. 5 "Lich, Julius, Schreiner und Trödler".
  • Bild 5: Wir wagen hier auch einen Blick in die Gegenrichtung, die Situation ist vermutlich wie auf Bild 3. Der komplette Schlachthausplatz ist frei, die Neu-Gasse Nr. 10 mit dem Brunnen daneben steht aber noch. Das Haus geradeaus ist die Ochsengasse 14, in dem tatsächlich für kurze Zeit Carl Maria von Weber gewohnt hat. Im "Hinterhof" des Hauses steht übrigens die Synagoge, die wir im vorigen Teil gesehen haben.
  • Bild 6: Wir gehen um die Ecke in die Kleine Bachgasse und blicken zurück. Der Schlachthof ist bereits abgerissen, der Häuserblock an der Ecke Kleine Bachgasse / Neu-Gasse ist aber noch intakt. Rechts sehen wir das "Sauerkrautgeschäft von W. Schubkegel", oder wie das Adressbuch 1905 sagt "Nr. 1 Schubkegel, Wilh., Gärtners Ww."
  • Bild 7: Schauen wir uns diese Gegend an zu der Zeit vor dem Abriss des Schlachthofs, und zwar aus der Schustergasse Richtung Nordosten zum Eingang des Schlachthofs. Eine schmucke und gepflegte Gegend eigentlich, so in der Nähe von Schloß und Rathaus. 1894 sagt uns das Adressbuch dazu: "Nr. 14: Vierheller, Jac. Materialist. Tel. 200. - Vierheller, Emil, Kaufmann", "Nr. 16: Pettmann, Christian, Kaufmanns Ww. - Pettmann, Carl Wilhelm, Kaufmann", "Nr. 18: Wiener, Adam und Wiener, Philipp, Bierbrauereibesitzer, Tel. 88". Die Nr. 18 sieht aus diesem Winkel allerdings nicht. Geradeaus liegt die Schirmgasse 12, der Eingang zum Schlachthof ("Städtisch, Schlachthaus. - Rodenhäuser, Franz, Fleischbeschauer"). Daneben ein Haus ("Zur Schirn"), daß zwar das Straßenschild "Kl. Bachgasse" trägt, trotzdem aber als Nr. 16 der Schirmgasse gezählt wird: "Nr. 16: Müller, Phil., Bildhauer u. Gastwirth.". Nach 1894 taucht die Nummer 16 nicht mehr in den Adressbüchern auf. An der Ecke sehen wir dann "Holzstr. Nr. 2: Fuchs, Ludwig, Metzger" und dann "Schustergasse Nr. 19: Hein, Ludwig, Hofmetzger. - Schnebele, Heinrich, Barbier u. Friseur" und "Nr. 17: Weber, Jakob, Bäcker". Die hohe Dichte an Metzgereien wird in der Nähe des Schlachthofs nicht verwundern.
  • Bild 8: Noch einmal einige Jahr zuvor, Blick von hier Richtung Süden auf die eben gesehenden Häuser Schustergasse Nr. 19 und 17. Beide Häuser haben mind. ein Stock weniger, und sie sehen alt und schmucklos aus. Es werden offenbar Tauben unter dem Dach gehalten. Es ist gut möglich, daß diese Häuser aufgestockt oder komplett neu gebaut wurden. Die Adressbücher geben auch hier Hinweise. "1883, Nr. 19: Hein, Adam, Rentner. - Hein, Ludwig, Metzger." Das passt zu unserem Bild, wo man mit scharfem Auge den Schriftzug "Joh. Adam Hein Metzger ..." erkennen kann. Offenbar stirbt Adam Hein und sein Sohn erbt das Haus, möglicherweise baut er es bei dieser Gelegenheit neu. 1995 lesen wir dann "Hein, Ludwig, Metzger. - Schnebele, Hch., Barbier und Friseur." Ebenso geht das Haus Nr. 17 von "Schäfer, Johann, Bäcker" (1882) auf "Weber, Jakob, Bäcker" (1883) über. Natürlich ist das reine Spekulation, aber auch die Steinhaufen auf der rechten Seite des Bildes deuten auf eine rege Abriss- oder Umbautätigkeit in der Gegend hin.
  • Bild 9: Wir gehen weiter die Holzstraße hinunter, halten an der Ecke zur Langen Gasse und schauen nach Osten. Wir sehen links ein Stückchen der Holzstraße 14 und rechts die Nr. 16 mit der Aufschrift "Eier & Geflügelhandlung". 1898 finden wir für das Haus "Fischer, Georg, Metzgers Erben. - Waibel, Christian, Eierhändler." Ein Jahr später schon gehört das Haus der "Stadt Darmstadt", von einem Eierhändler Waibel keine Spur mehr. Das ist bis 1906 weiter so der Fall, 1907 taucht es dann nicht mehr auf. Das deckt sich mit den Flurkarten von Darmstadt, wo das Grundstück auch als unbebaut zu sehen ist. Diese Stelle ist danach auch nicht wieder bebaut worden.
    Schaut man genau in die Lange Gasse hinein, sieht man rechts an der Fassade eines Hauses einen Pferdekopf. Das ist die "Rossschlachterei Schäfer", wir werden sie später noch besser sehen.
    Vermutlich falsch ist die Beschriftung des Bildes bei der ULB: "Haus Ecke Holzstr. und Langegasse. Es gehörte dem Eierhändler Ludwig Teingässer, Haus Nr. 26". Es gab zwar einen "Eierhändler Ludwig Steingässer", und der wohnte in der der Holzstraße 26. Und die ist an einer ganz anderen Stelle. Die Nr. 16 hat diesem Herrn Steingässer höchstwahrscheinlich auch nicht gehört.
  • Bild 10: Wir bleiben zunächst an dieser Stelle. Die Nr. 16 ist offenbar inzwischen abgerissen, wir schauen ein wenig weiter links auf die Holzstraße Nr. 14. An dem leicht ramponierten Haus hängt ein Schild "Schritt fahren". Es ist offenbar schon das ein oder andere Fuhrwerk an der Hausecke hängen geblieben. Laut Adressbuch 1907 gehört es auch der "Stadt Darmstadt", und dort wohnt ein "Harnischfeger, Jacob, Bäcker".
  • Bild 11: Nun gehen wir in die Lange Gasse hinein, direkt hinter dem Haus des Eierhändlers schauen wir Richtung Süden in einen engen, verwinkelten Hinterhof.
  • Bild 12: Wenn wir ein paar Schritte zurücktreten (in die Kleine Bachgasse), sehen wir die selbe Stelle besser. Aber auch später, denn das Haus des Eierhändlers wird gerade abgerissen, der Durchgang durch die Lange Gasse ist gesperrt. Links sehen wir nun den Pferdekopf wieder, das Adressbuch von 1907 sagt: "Lange Gasse Nr. 3: Schäfer, Wilh., Pferdeschlächter, Tel. 1404." Am Fenster lesen wir prosaisch "Erste Rossschlächterei mit Motorbetrieb". Rechts ist die Kl. Bachgasse 9: "Nr. 9: Bertsch, Joh. Adam, Wirt. - Wolf, Jeremias III., Zimmermann und Wirt." Auch wenn wir unten den Schriftzug "Hanauer - Hof" raten könnten, hieß das Gasthaus des Jeremias Wolf "Zum Treppchen".
    Bei der ULB wird das Bild beschrieben mit "Roßschlachterei Wilhelm Schäfer. Daneben das Haus des letzten ehrenamtlichen Bürgermeisters Joh. Adam Fuchs (um 1871)". Diese Datierung ist wohl falsch, wir sehen ja gerade, wie dieses Haus des Bürgermeisters Fuchs abgerissen wird. Es handelt sich um die uns bekannte Holzstraße 16, in der zu Lebzeiten dieser Bürgermeister wohnte, später der Eierhändler Waibel.
  • Bild 13: Wir verlassen die Kleine Bachgasse und gehen rund 170m durch die Altstadt, über die Holzstraße und die Große Bachgasse bis in die Hinkelgasse oder auch "Hinkelsgasse". Wir schauen nach Nordosten und sehen links die Nr. 8 (1905: "Albus, Kath. Elisabethe, Privatin zu Neu-Isenburg. - Schröder, Cäcilie, Privatin") und die Nr. 10 (1905: "Waffenschmidt, C., Schneider. - Keil, Joseph, Taglöhner."), rechts die Nr. 5 (1905 "Weber, Gustav, Meßgehilfen Ww."") und Nr. 7 (1905: "Keller, Lud., Bäcker").
  • Bild 14: Natürlich darf ein Blick auf den Hinkelstein nicht fehlen, der halb in der Mauer der Hinkelgasse 15 steckt. Die Nr. 15 ist ein recht großes Haus, überraschenderweise sind im Adressbuch 1905 unter dieser Adresse nur zwei Personen aufgeführt: "Andel, Phil., Fuhrmann. - Elfert, Joh., Schreiner". Sehen wir die Beiden etwa auf dem Bild?
  • Bild 15: Hier nun der Hinkelstein aus einem anderen Blickwinkel. Der Mann im Fenster hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schreiner auf dem vorigen Bild, wirkt aber älter.
  • Bild 16: Als letzte Station für heute werfen wir noch einen Blick in den Hinterhof der Hausnummer 15. Man erkennt, wie eng die östlichen Häuser der Hinkelgasse an die Stadtmauer angebaut sind, bei der Nr. 15 steht sogar der Hinkelsturm im Hinterhof. Der Mann rechts in der Tür hat Ähnlichkeit mit dem Fuhrmann von Bild 14.

Von hier aus werden wir demnächst unseren Rundgang nach Norden hin fortsetzen und schauen, wie es rund um den heutigen Mercksplatz ausgesehen hat.


     
  Bild 1: Kleine Ochsengasse  
     
Bild 1: Kleine Ochsengasse

     
  Bild 2: Lange Gasse  
     
Bild 2: Lange Gasse

     
  Bild 3: Neu-Gasse  
     
Bild 3: Neu-Gasse

     
  Bild 4: Neu-Gasse  
     
Bild 4: Neu-Gasse

     
  Bild 5: Schlachthausplatz  
     
Bild 5: Schlachthausplatz

     
  Bild 6: Kleine Bachgasse  
     
Bild 6: Kleine Bachgasse

     
  Bild 7: Schustergasse  
     
Bild 7: Schustergasse

     
  Bild 8: Schustergasse  
     
Bild 8: Schustergasse

     
  Bild 9: Holzstraße  
     
Bild 9: Holzstraße

     
  Bild 10: Holzstraße  
     
Bild 10: Holzstraße

     
  Bild 11: Lange Gasse  
     
Bild 11: Lange Gasse

     
  Bild 12: Lange Gasse  
     
Bild 12: Lange Gasse

     
  Bild 13: Hinkelgasse  
     
Bild 13: Hinkelgasse

     
  Bild 14: Hinkelgasse  
     
Bild 14: Hinkelgasse

     
  Bild 15: Hinkelgasse  
     
Bild 15: Hinkelgasse

     
  Bild 16: Hinkelgasse / Hinkelsturm  
     
Bild 16: Hinkelgasse / Hinkelsturm

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21.04.21 18:25 breiter Kristof [0 Kommentare]