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Stadtrundgang Darmstadt (Teil 1)


Vor einigen Jahren hatte ich die "Fotosammlung Heil" bei der ULB Darmstadt entdeckt, ein Schatz alter Bilder von Darmstadt aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ich habe sie damals schnell durchgeblättert, für sehr interessant befunden und dann aber wieder fast vergessen. Nun aber habe ich mich erinnert und möchte ein etwas genaueren Blick darauf werfen. Insbesondere will ich versuchen, die genauen Stellen der Aufnahmen ausfindig zu machen. Jedes Bild hat bei der ULB eine kurze Beschreibung. Diese Beschreibungen sind aber meist sehr rudimentär und zum Teil auch fragwürdig. Die Reihenfolge wird eine Art kleiner Stadtrundgang ergeben, auch wenn die Bilder aus unterschiedlichen Zeiten stammen. Helfen sollen mir dabei meine alten Karten (Flurkarten 1905, Zerstörungsplan 1944 und der sehr gute Stadtplan von 1866) und die inzwischen fast vollständigen Adressbücher von Darmstadt bei der ULB.

Wir beginnen in Kranichstein:

  • Bild 1: Wunderschöner Blick auf das Jagdschloß Kranichstein mit dem "Backhausteich" im Vordergrund, Position hier mit Blick nach Norden. Es fällt auf, daß das Türmchen untenrum sonderbar verkleidet ist, möglicherweise eine Rankhilfe wie auf diesem Bild . Ein Datum für dieses Bild ist nicht bekannt, aber das Eingangsportal im Innenhof sieht ungewohnt aus. Schauen wir uns das doch einmal genauer an.
  • Bild 2: Wir gehen wenige Meter zum Innenhof des Jagdschloßes, Position hier. Das Portal ist definitiv anders als heute, wann es umgestaltet wurde, weiss ich nicht. 1897 hatte es aber sicher schon die heutige Form, damals war der Zar zu Besuch.
  • Bild 3: Nun müssen wir ein Stückchen mit dem Pferd zurücklegen, ca. 4 Kilometer die Kranichsteiner Straße stadteinwärts zur Kaupstraße (Ecke Pankratiusstraße). Wir schauen von hier Richtung Nordwesten auf das Haus Kaupstr. 21, im Hintergrund sehen wir die Kaupstr. 22. Das durchaus ansehnliche Haus Nr. 21 taucht erstmals 1874 im Adressbuch Darmstadt auf: "Schiemer, Georg, Hoftheaterschreiner", in den späteren Jahren korrigiert auf "Schimmer". Ab 1889 finden wir auch die Nr. 22: "Jahn, Martin, Weinhändler u. Agent. ...". Beide Häuser existieren heute nicht mehr.
  • Bild 4: Ein kurzer Fussmarsch bringt uns in ein ab 1872 entstehendes Neubaugebiet, das "Blumenthal-Viertel". Es ist heute als Johannesviertel bekannt. Wir schauen die Alicestraße Richtung Westen, wo gegenüber dem "Wilhelmsplatz" die prächtigste Häuserzeile des Viertels entstanden ist, "der Louvre". Links steht die Alicestr. Nr. 16. rechts die Nr. 17, die diesseitigen Eckhäuser an der Liebigstr. gibt es noch nicht. Deshalb muss das Bild vor 1878 enstanden sein. Haus Nr. 17 wurde im Krieg zerstört und existiert heute nicht mehr.
  • Bild 5: Wenige Jahre später wirkt die selbe Stelle schon deutlich bewohnter und belebter, auch die Bäumchen am Wilhelmsplatz sind ein ein wenig gewachsen. An der Strassenecke steht das Haus Alicestr. 19 und gegenüber ist inzwischen am Louvre ein Strassenschild "Liebig-Strasse" angebracht. 1893/1894 wurde schließlich auf dem Wilhelmsplatz die Johanneskirche gebaut, was dem Viertel seinen heutigen Namen gebracht und dem Louvre das Licht und seine Pracht geraubt hat.
  • Bild 6: Das Blumenthal-Viertel liegt noch vor den Toren der Stadt, wenige Jahr zuvor war hier fast gar nichts, außer u.a. die Gas-Fabrik. Wir blicken vom Landwehr-Weg aus südöstlich über die Fabrik und sehen im Hintergrund links das Schloß und rechts den langen Lui. Ob die Weiden vorn allerdings den Namen "alter Viehhof" in der Bescheibung des Bildes verdient haben, wage ich zu bezweifeln ("Blick auf die alte Gasfabrik und alten Viehhof").
  • Bild 7: Allerdings ist eine Gasfabrik in einem dicht besiedelten Wohngebiet nicht so gut aufgehoben, und so wurde 1909 an genau der Stelle dieser Fabrik die Eleonorenschule gebaut. Wir sehen sie hier von Südosten aus an der Lagerhausstraße gelegen (heute Julius-Reiber-Straße).
  • Bild 8: Wir verlassen das neue Viertel in Richtung Schloß und kommen zum alten Münzgebäude (um 1831 erbaut von Georg Moller und Franz Heger), wir stehen auf dem heutigen Willy-Brandt-Platz und schauen nach Süden. Die "Münze" musste 1903 dem neuen Gerichtsgebäude weichen, auf der rechten Seite sehen wir aber schon ein Stück vom "Justiz-Palast" (das heutige Landgericht), der um 1873 gebaut wurde. Dieses Bild muss also zwischen 1873 und 1903 enstanden sein. Die Strassenbahn, deren Schienen wir sehen, gab es an dieser Stelle ab 1890.
  • Bild 9: Wir wenden unseren Kopf ein wenig nach rechts und sehen den Justiz-Palast in all seiner Pracht, inklusive kleinem Vorgärtchen.
  • Bild 10: Wir gehen weiter ostwärts und durchqueren den "Großherzoglichen Schlossgarten" (Herrngarten). An der Stelle der ehemaligen Hof-Meierei befindet sich eine große Baustelle, 1893 bis 1895 werden dort die Gebäude der Technischen Hochschule errichtet. Das physikalische und elektrotechnische Institut ist schon fertig, das chemische Institut wird gerade gebaut. Jahre später sieht es so aus.

Im nächsten Teil werden wir über die Magdalenenstraße Richtung Altstadt gehen.


     
  Bild 1: Kranichstein  
     
Bild 1: Kranichstein

     
  Bild 2: Kranichstein  
     
Bild 2: Kranichstein

     
  Bild 3: Kaupstrasse  
     
Bild 3: Kaupstrasse

     
  Bild 4: Louvre  
     
Bild 4: Louvre

     
  Bild 5: Louvre  
     
Bild 5: Louvre

     
  Bild 6: Gasfabrik  
     
Bild 6: Gasfabrik

     
  Bild 7: Eleonoren-Schule  
     
Bild 7: Eleonoren-Schule

     
  Bild 8: Münze  
     
Bild 8: Münze

     
  Bild 9: Justiz-Palast  
     
Bild 9: Justiz-Palast

     
  Bild 10: Technische Hochschule  
     
Bild 10: Technische Hochschule

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27.03.21 16:41 breiter Kristof [2 Kommentare]