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Wie wurde ich Nazi?


Heute habe ich gelernt, daß es 1934 der polnisch-amerikanische Soziologe Theodore Fred Abel geschafft hat, über 600 Lebensläufe von Nationalsozialisten zu bekommen, in denen sie beschreiben, wie sie das denn so geworden sind. Diese Berichte sind inzwischen digitalisiert: Theodore Fred Abel papers, 1934. Das klingt natürlich sehr interessant, denn diese Selbstbeschreibungen sind in einer Zeit der nationalsozialistischen Euphorie entstanden.

Beim Durchscrollen fällt mir plötzlich ein Name auf: "Willi Barth". Und tatsächlich, es handelt sich um "Wilhelm Heinrich Barth" (Eintritt in die Partei: 1.3.1930), Ortsgruppenleiter der NSDAP in Langen. Der "Langen - Stadtführer 1933 - 1945" (gerade letztens erst erwähnt) schreibt u.a. über ihn:

In dem am 25. Februar 1948 vor dem Landgericht Darmstadt geführten Prozeß wegen der Zerstörung der Synagoge im Jahre 1938 wurde Barth als Mitverantwortlicher angeklagt, und zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Wilhelm Barth lebte bis zu seinem Tod im Jahre 1987 in Langen.

Barth, "Stadtbaumeister, Propaganda- u. Presseamtsleiter der N.S.D.A.P. Ortsgruppe Langen" berichtet 1934 über sich selbst:

Meine ersten 8 Lebensjahre durfte ich als einziger Sohn meiner Eltern vor Ausbruch des Weltkrieges in Freuden und Sonnenschein verbringen. (...) So gross die Freude über jeden errungenen deutschen Sieg war, so gross war auch unsere Enttäuschung über den unerwarteten Ausgang des Weltkrieges. In der Schule und im engreren Familienkreis wurde über die "Revolution" debattiert. Ein hiesiger Jude hatte sie in Langen ausgerufen. (...)
Die letzten deutsche Truppen hatten noch keinen halben Tag Langen verlassen, als auch schon französische Offiziere hier einritten und die Besatzungsgrenzen festlegten. Kurz darauf bekam unsere Stadt starke Besatzung. Sämtliche Privathäuser wurden mit Einquartierung belegt, Neger, Marokkaner und Arraber wurden in Schulen und öffentlichen Gebäuden untergebracht. An den Ortsausgängen und Strassenkreuzungen wurden Passkontrollen eingerichtet. Mit den farbigen Kolonialtruppen trieben wir allerlei Allotria. Die Kerle waren sehr dumm, das Vorzeigen einer alten Zeitung genügte vollkommen als Ausweis. Gefährlich war es nachts für Frauen und Mädchen. Rassenschande und Vergewaltigungen sind in Langen leider genug vorgekommen. (...)
(...) Im Februar 1930 erfuhr ich, dass eine nationalsozialistische Besprechung in Langen stattgefunden hatte und eine Ortsgruppe sich in der Gründung befand. Ich kam zur zweiten Besprechung, es waren 10 - 12 Volksgenossen anwesend. Der damalige Gauleiter Pg. Ringshausen sprach. (...)
(...) Den grossartigen Aufstieg der NSDAP durfte ich in unserer Ortsgruppe als verantwortlicher Propaganda- und Pressewart sowohl als auch als SA-Führer miterleben. In dieser Eigenschaft führe ich alle Wahlkämpfe in Langen von Sieg zu Sieg. Die politischen Gegner wurden in der Lokalpresse, in Flugblätter und Plakaten, in Versammlungen und wenn es garnicht mehr anders ging auch auf der Strasse niedergerungen. (...)
(...) Langen (Hessen), den 12. August 1934

Neben Barth finde ich auch noch einen gewissen August Zimmermann aus Egelsbach. Er schreibt über sich:

Im Weltkrieg, den ich bei dem I. Luftschifferbattalion von 1916 - 1918 mit-machte, vertrat ich den Standpunkt, dass Karl Liebknecht der Retter des Vaterlandes sein könnte. Nach dem Kriege schloss ich mich der U.S.P. an und schied aus dieser wieder aus, da ständig Unterschlagungen an der Tagesordnung waren. Im Jahre 1926 lernte ich den damaligen nationalsozialistischen Stadtrat Ferdinant Abt kennen. (...) Da die Bevölkerung von Egelsbach zu 80% marxistisch eingestellt war, konnte ich vorerst nichts ausrichten und war ich gezwungen mich der Ortsgruppe Langen anzuschließen. (...)
(...) Ein ähnliches Bild sah ich, als Pg. Dr. Göbels in Langen sprach. Schupobeamte schwer bewaffnet standen in Massen auf der Strasse und konnte auch hier festgestellt werden, wie Sozialdemokraten und Komunisten unbehelligt Dr. Göbels mit Steinen bewerfen konnte. Statt die Uebeltäter zu verhaften wurde der Motor SA-Mann Willi Barth, welcher Dr. Göbels schützen wollte, verhaftet und mit dem Gummiknüppel schwer zugerichtet. (...) Durch die Berufung Adolf Hitlers zum Reichskanzler wurden allen Gemeinheiten die Spitze abgebrochen und leb(en) wir heute in dem saubersten Staat der Welt. (...)

Leider steht in der Liste der digitalisierten Berichte nur der Name, aber nicht der Wohnort. Wer weiss, vielleicht finden sich noch mehr bekannte Persönlichkeiten.

Wer sich fragt, wie man Nationalsozialisten dazu bringt, so offen über ihre "Karriere" zu berichten: Mit einem Wettbewerb, und Preisgeld.

Nachtrag 28.7.2017: Da gibt es noch einen mit Langen-Bezug, auch wenn er kaum etwas direkt über Langen schreibt: Karl Heinrich Müller, geb. 25. 4. 1869. Ein ziemlicher Schwätzer irgendwie, dem man auch an der Handschrift ansieht, wie er sich hineinsteigert, je erfolgreicher die Nazis werden. Bei vielem kann man den lokalen Bezug nur raten, aber immerhin nennt er auch die Steine auf "Dr. Goebels":

Überall Aufmärsche. Dr. Goebels wurde von Marxisten nach einer Wahlrede in Langen mit Steinen beworfen. Die rote Leuchnerpolizei schlug mit Knüppeln auf die SA ein und verletzten die Dr. Goebels schützenden SA Männer.

Der spätere Verlauf des "Dritten Reiches" scheint diesen Mann weniger begeistert zu haben. So finden wir im Sterbenebenregister des Standesamts Langen 1945 den Eintrag:

Der Eisenbahn-Ingenieur außer Dienst Karl Heinrich Müller, wohnhaft in Langen, Gartenstraße 56, ist am 22. April 1945 in Langen in der Luderschneise des Stadtwalds tot aufgefunden worden. (...) Todesursache: Selbstmord

     
   
     


24.07.17 15:54 Kristof [3 Kommentare]